Im folgenden dokumentieren wir die bei der Kundgebung gehaltenen Redebeiträge:

Die Pogromnacht in Duisburg

1875 wurde an dieser Stelle die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Duisburgs eröffnet. Heute befindet sich an diesem Platz ein Mahnmal, welches an die Zerstörung der Synagoge in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 erinnern soll. In der selben Nacht wurden auch die Räume der Gemeinde in den Stadtteilen Ruhrort und Hamborn niedergebrannt. Darüber hinaus wurden zahlreiche Geschäfte und Wohnungen beschädigt oder zerstört, sowie mindestens 60 jüdische Bürger/innen festgenommen.

Die Pogrome von SA und SS, mit Unterstützung von Teilen der Bevölkerung, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren der erste Höhepunkt einer allgemeinen antisemitischen Stimmung in Teilen der Gesellschaft. Schon am 23. März 1933 wurde der Rabbiner der ostjüdischen Gemeinde, Mordechai Bereisch, durch die Stadt getrieben und schwer misshandelt.
Der Rabbiner der Synagoge an der Junkernstraße war Manass Neumark. Der Weg an dem wir Heute stehen wurde nach ihm benannt. Im Jahre 1904 beschloß die Jüdische Gemeinde Duisburg einen Rabbiner einzustellen. 1905 entschied sie sich dann für den aus Posen stammenden Dr. Manass Neumark, welcher aus Berlin nach Duisburg zog und somit der 1. Rabbiner der Duisburger Gemeinde wurde. Obwohl Neumark aus einer traditionellen jüdischen Familie stammte, brach er sein Studium am orthodoxen Rabbinerseminar ab und entschied sich stattdessen für ein Studium der Germanistik, in dem er auch promovierte. Mit seiner Frau Martha hatte er 4 Kinder – Ruth, Eva, Herrmann und Ernst- sie überlebten den Holocaust. In der Pogromnacht wurde seine Wohnung auf der Fuldastraße von den Nazis überfallen und verwüstet.
Die Nazis zwangen schließlich die Familie Neumark in das Judenhaus in Meiderich zu ziehen. Anders als seine Kinder lehnte er eine Emigration nach Palästina ab. Am 25. Juli 1942 wurde Manass Neumark mit den letzten Duisburger Juden deportiert und am 21. Oktober 1942 im KZ Theresienstadt ermordet.

Das Ehepaar Cohnen traf es ebenfalls in dieser verhängnisvollen Novembernacht. Noe Cohnen war Mitglied der jüdischen Gemeinde und der zionistischen Ortsgruppe. Sein Textilunternehmen auf der Wanheimerstraße und die Wohnung der Familie auf der Paulusstraße wurden von dem aufgeheizten Nazi-Mob zerstört. Zuvor war bereits ihre Kunstsammlung, im Zuge der antisemitischen Gesetzgebung, konfisziert worden. Sie selber wurden zum Verhör abgeführt und kehrten von diesem erst mehrere Tage später zurück. Sie waren so verängstigt, dass sie nicht zurück in ihre Wohnung wollten, stattdessen im Keller übernachteten und von Nachbarn verpflegt wurden. Am Neujahrsmorgen 1939 wurden beide tot in ihrer Wohnung aufgefunden, ob ihre Erlebnisse im November sie zum Selbstmord trieben bleibt unklar.

Auch im ländlichen Bereich des heutigen Duisburgs ging der 9. November nicht spurlos vorüber. In Rumeln-Kaldenhausen stürmten SA-Männer das Haus der Familie Harff. Sie verwüsteten die Einrichtung und erschlugen den Hund. Die Kosten für den Überfall musste Frau Harff bezahlen. Gertrud Harff und ihren Sohn Paul zwang man, in ein Judenhaus nach Krefeld zu ziehen. Wenige Tage später verspottete die Lokalpresse die Familie:
Zitat: „Die Bevölkerung von Rumeln weint diesen Scheidenden wirklich keine Träne nach, sondern ist numehr stolz in einem Dorf zu wohnen, welches frei von Juden ist.“
Die Tochter Henny Harff konnte fliehen und überlebte den Holocaust. Der Rest der Familie wurde 1942 nach Izbica deportiert und ermordet.

Diese Schicksale können nur exemplarisch das Leiden vieler anderer in Duisburg, Deutschland und Europa, veranschaulichen. Ihre Erwähnung soll, vor allem an einem Datum wie heute, helfen, die große Masse greifbarer zu machen und den Opfern einen Namen und eine Geschichte zu geben. Sie machen deutlich, dass sich die grausamen Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes nicht irgendwo, sondern hier im Zentrum der Gesellschaft und des öffentlichen Lebens abgespielt haben.

Aktuelle Naziszene in Duisburg

Auch Heute, 72 Jahre nach den Pogromen, an die wir hier erinnern, gibt es immer noch Personen, die das damalige menschenverachtende Weltbild vertreten und propagieren.

Wenige Meter von hier entfernt steht das Anne-Frank-Denkmal, welches im Juli diesen Jahres mit Nazisymbolen des so genannten “Nationalen Widerstands” beschmiert wurde.
Auch in anderen Stadtteilen Duisburgs taucht regelmäßig rechte Propaganda in Form von Aufklebern, Plakaten und Schmierereien auf. Die, in dieser Form öffentlich verbreitete, hasserfüllte Stimmung darf nicht unterschätzt werden. Mehrfach kam es zu rechten Übergriffen auf Antifaschist/innen und Migrant/innen.
Wenn man die aktuellen emtional aufgeladenen Debatten um Integration und die Duisburger Ergebnisse von kleinen Parteien wie pro-NRW betrachtet, kann durchaus der Schluss gezogen werden, dass die rechte Schlägermentalität Zustimmung und Rückhalt in der Bevölkerung gewinnt und auch Schlimmeres durchaus zu erwarten ist.
Denn wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, wünscht sich gut jede/r Vierte laut Umfrage eine „starke Partei“, die die „Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Mehr als jede/r Zehnte sehnt sich nach einem „Führer“, der „Deutschland zum Wohle aller mit harter Hand regiert“ und hält eine Diktatur für „die bessere Staatsform“.

Auch hier in Duisburg gibt es eine organisierte Nazi-Szene:
Im Mai 2009 trat die so genannte „Aktionsgruppe Duisburg/Krefeld“ mit einem ersten Internetauftritt an die Öffentlichkeit. Seitdem ist nunmehr eine verstärkte Vernetzung und Zusammenarbeit von verschiedenen neofaschistischen Cliquen, u.a. der selbsternannten “Nationalen Jugend Duisburg” und Einzelpersonen im Duisburger Stadtgebiet und darüber hinaus, zu verzeichnen. Zwar gab es schon vor 2009 eine “Aktionsgruppe Duisburg”, diese Gruppe um Steffen Pohl bestand jedoch aus nie mehr als einer Handvoll Leuten und trat kaum in Erscheinung. Die neue Aktionsgruppe besteht zwar aus einem neuen Personenkreis als die alte, steht aber voll und ganz in ihrer Ideologischen Tradition.

Ihre letzten Aktivitäten beschränkten sich zum Beispiel auf meist nächtliche Propaganda-Streifzüge mit geschichtsrevisionistischen Inhalten, so verherrlichten sie bereits zweimal Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess. Auch das Glorifizieren des Nationalsozialismus und das Vollschmieren ganzer Straßenzüge mit Hakenkreuzen gehört dazu. Diese Kameradschaft ist mitlerweile auch über Duisburg hinaus, in die Strukturen der freien Kameradschaften eingebunden; ihre Mitglieder besuchen regelmäßig Demonstrationen und Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet. Diese Gruppierung, die sich selbst dem Habitus der sog. „Autonomen Nationalisten“ verschrieben hat, gibt mitlerweile innerhalb der Duisburger Nazi-Szene den Ton an. Die NPD-Duisburg steht zwar in Kontakt mit diesen Gruppen,konnte selber aber in den letzten Jahren keine nennenswerten Aktivitäten verzeichnen.
Darüber hinaus können die Duisburger Neonazis auf das Umfeld von rechtsradikalen und gewaltbereiten Fußball- bzw. Hooligangruppen, wie der Division Duisburg, zurückgreifen. Aus diesem Umfeld stammen auch einige der Hauptakteure der Aktionsgruppe Duisburg/Krefeld.

Die Duisburger Polizeidirektion behauptet trotz dieser Umstände dennoch weiterhin, es gäbe in Duisburg keine organisierte Neonazi-Szene. Auch die Zivilbevölkerung und die Lokalpresse verschließen die Augen vor den Aktivitäten der neuen Nazis. Das Kleinreden und die Verharmlosung der rechten Bedrohung werden niemals Lösungen herbeiführen. Stattdessen wird nur bewirkt, dass rechte Gruppen sich in Sicherheit wiegen können und deren Opfer nicht ernst genommen werden.

Das stetige Erinnern an die Verbrechen der NS-Zeit ist überaus wichtig, um die unzähligen Opfer und das unsagbare Leid nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Was Heute vor 72 Jahren passierte darf nie wieder geschehen.
Deshalb ist es heute mehr als nur notwendig, konsequent und aktiv gegen Neonazis vorzugehen. Deshalb sind wir alle dazu angehalten Rassismus, Antisemitismus und jegliche Formen von Diskriminierung zu bekämpfen.
Für eine befreiete Gesellschaft!
Kein Vergeben!
Kein Vergessen!
Nie Wieder Faschismus!!!

Kritik der bundesdeutschen Gedenkkultur

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ist – sofern sie es jemals war – heute nicht mehr das Monopol der radikalen Linken. An geschichtsträchtigen Daten wie diesem ist die Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gräueltaten allgegenwärtig. Die ritualisierten Gedenkfeierlichkeiten und die obligatorischen Medienberichte über jene Ereignisse gehören längst zum politischen Alltagsgeschehen in der Bundesrepublik. Es verwundert daher auf den ersten Blick nicht, dass viele Linke und ehemalige Linke an der Aufarbeitung der Geschichte, wie sie in der BRD seit den 80er Jahren betrieben wird, im Grundsatz nichts mehr auszusetzen haben.

Dabei gäbe es bei genauerer Betrachtung aus dem Blickwinkel einer radikalen Linken eigentlich eine ganze Menge zu kritisieren an dem Erinnerungsspektakel, das uns allen Tag ein Tag aus in der Schule oder im ZDF-Abendprogramm dargeboten wird. Denn die Auseinandersetzung mit dem Natinoalsozialismus beschränkt sich im offiziellen geschichtspolitischen Diskurs fast ausschließlich auf die Vermittlung historischen Faktenwissens über die Zeit zwischen 1933 und 1945. Weder die kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten nationalsozialistischer Ideologie noch die gesellschaftliche Kontextualisierung von Machtübernahme und Pogromen sind Teil dieser Aufarbeitung. Nationalismus, Antimarxismus, völkischer Rassismus und Antisemitismus, die ideologischen Grundpfeiler des deutschen Faschismus also, spielen in der Auseinandersetzung meist ebenso wenig eine Rolle wie die Massenbasis der Nationalsozialisten und ihre Unterstützung durch Konservative, Militärs und Teile des Großkapitals.

Insbesondere die Frage, wer denn nun konkret die Täter, die Verantwortlichen des Krieges und der Massenvernichtung seien, war stets ein „blinder Fleck“ in der deutschen Geschichtsschreibung. Dies führte nach 1945 zu einer fast gänzlich ungebrochenen Kontinuität im politischen Personal zwischen dem „Dritten Reich“ und der BRD. In den 50er und 60er Jahren waren daher fast alle Lehrer, Polizisten, Richter und Generäle ehemalige Getreue des NS-Regimes. Mit Kurt-Georg Kiesinger regierte bis 1969 ein ehemaliges Mitglied der NSDAP die Bundesrepublik Deutschland. In Badem-Würtemberg war sogar bis 1978 der ehemalige NS-Militärrichter Filbinger Ministerpräsident des Landes.
Diese Sachverhalte spielen in den Aufarbeitungsbemühungen der Bundesrepublik naturgemäß keine Rolle, denn die Tatsache, dass dieser Staat in nicht unbedeutendem Maß von Nationalsozialisten aufgebaut wurde, könnte dessen Existenzberechtigung mit gutem Grund in Frage stellen.

Die allgegenwärtige Thematisierung des historischen Nationalsozialismus bei Gottesdiensten, Gedenkfeierlichkeiten, im Schulunterricht oder bei Staatsbesuchen dient insofern nicht primär einer Aufarbeitung, die darauf gerichtet wäre, eine Wiederholung des Geschehenen zu verhindern. Vielmehr ist diese Form der Gedenkpolitik ein Instrument zur Inszenierung eines geläuterten Deutschland und zur Legitimation bürgerlich-demokratischer Herrschaft. Denn die erklärte Gegnerschaft der deutschen Demokraten gegenüber dem historischen Nationalsozialismus impliziert zugleich die Berechtigung, wenn nicht gar die Verpflichtung, das deutsche Modell von Staat und Gesellschaft in andere Länder zu exportieren – mit Krieg und Diplomatie wie es beispielsweise seit den 90er Jahren von der Bundesregierung auf dem Balkan praktiziert wird.

Dabei verblasst im ständigen Vergleich mit anderen Menschen- und Völkerrechtsverletzungen das Spezifische und Singuläre an den Verbrechen des deutschen Faschismus. Längst wird an den einschlägigen Gedenktagen nicht mehr nur an die Opfer der Nazi-Barbarei erinnert. Vertriebene Sudetendeutsche und die Opfer politischer Verfolgung in der DDR rücken gleichberechtigt an die Seite der Ermordeten von Auschwitz und Buchenwald.

Die Instrumentalisierung einer „moralischen Verantwortung“ zur Durchsetzung machtpolitischer Interessen; die Relativierung des deutschen Faschismus durch Gleichsetzung und Vergleich; die Ignoranz gegenüber personellen wie ideologischen Kontinuitäten zwischen dem „Dritten Reich“ und der Bundesrepublik Deutschland – all das muss der radikalen Linken Anlass zur Kritik der deutschen Gedenkkultur geben.
Eine gesellschafts- und herrschaftskritische Aufarbeitung der deutschen Geschichte muss sich von dieser Gedenkkultur fundamental unterscheiden.
Denn auch, wenn sich die Formen, in denen staatliche Herrschaft heute praktiziert wird, in Deutschland wie auch in anderen postfaschistischen Gesellschaften wesentlich gewandelt haben: Unverändert bestehen die Verhältnisse fort, in denen die Existenz des Einzelnen in letzter Konsequenz vom Wohlwollen des staatlichen Souveräns oder der gesellschaftlichen Mehrheit abhängt. Unverändert bestehen die Verhältnisse fort, in denen das Individuum seine Daseinsberechtigung durch Verwertbarkeit und die Bereitschaft zur Unterordnung unter die Herrschaft des Staates rechtfertigen muss. Diese Verhältnisse gilt es umzuwerfen, um eine Wiederholung des Geschehenen für alle Zeit undenkbar zu machen. Ein linksradikaler Antifaschismus und eine linksradikale Geschichtspolitik müssen daher stets die Kritik und das Aufbegehren gegen die politische Herrschaft von Menschen über Menschen beinhalten.